Maria im Tann (ausgelagerte Klassen)

Die Ausgelagerten Klassen der Martin-Luther-King-Schule


Entstehung der Förderorte


In den letzten Jahren wurde allzu deutlich, dass es einen immer größer werdenden Kreis von Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf in den Bereichen Emotionalität und Sozialverhalten in der Stadt Aachen gibt, die aufgrund Ihrer Problemlage auch im Stammschulbereich der Martin-Luther-King-Schule trotz mannigfaltiger, auf das Individuum abgestimmter Angebote, nicht mehr erreicht bzw. pädagogisch sinnvoll gefördert werden können. Partielle, oft auch absolute Leistungsverweigerung verbunden mit hohen Fehlzeiten bis hin zum Schulabsentismus war nicht selten die Folge. Ursprünglich wurden die Förderorte aufgrund dieser Problematik installiert. Es zeigte sich jedoch, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit diesen immensen Problemen immer weiter steigt, so dass solche Schüler mittlerweile auch im Stammschulbereich unterrichtet werden.


Seit 1990 existiert bereits eine nur für Mädchen konzipierte Schulklasse, die sich nunmehr seit Beginn des Schuljahres 2004/05 auf dem Heimgelände des Zentrums für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe „Maria im Tann“ (KJH „MiT“) befindet. Schon zwei Jahre zuvor wurde dorthin zum Schuljahresbeginn 2002/2003 nach aufwändigen Umbauarbeiten die Klasse „Maria im Tann“ installiert, die sowohl Mädchen als auch Jungen aufnimmt.
In den Ausgelagerten Klassen kann dieser Problematik aufgrund der inneren und äußeren Rahmenbedingungen besonders entsprochen werden.


Äußere Rahmenbedingungen


Kurz vor dem belgischen Grenzübergang „Bildchen“, im Südwesten Aachens, liegt inmitten des Aachener Stadtwaldes das Heimgelände des KJH „MiT“. Auf dem Gelände hat die Stadt Aachen Räumlichkeiten für die beiden Ausgelagerten Klassen der Martin-Luther-King-Schule angemietet. Darüber hinaus befinden sich auf diesem Areal unter anderem mehrere Wohngruppengebäude, ein Verwaltungsgebäude sowie eine Mehrzweckhalle.
Die Räumlichkeiten der Ausgelagerten Mädchenklasse sind über einen separaten Eingang auf der Rückseite des Verwaltungsgebäudes zu erreichen und umfassen einen Klassenraum, einen Gruppenraum, ein Lehrerbüro, eine Küche sowie zwei Toilettenräume.


Die Räumlichkeiten der Ausgelagerten Klasse „Maria im Tann“ befinden sich im Erdgeschoss eines zweigeschossigen, direkt am Waldrand gelegenen Gebäudes. Zur Nutzung stehen ein Lehrerbüro, ein Lagerraum, ein Werkraum für die Bereiche Holz- und Metall, ein Klassenzimmer, ein Gruppenraum, eine Küche mit angrenzendem Essraum sowie Toilettenräume bereit. Eine große Terrasse und eine angrenzende Wiese bieten den Schülerinnen und Schülern eine bewegungsfreundliche Möglichkeit der Pausengestaltung.


„Maria im Tann“


Der angrenzende Wald, die Mehrzweckhalle mit Kletterwand und Fitnessbereich wie auch der Fußballplatz mit Sprunggrube und Basketballkörben gewährleisten einen schülerorientierten Sportunterricht und viel Raum für erlebnispädagogische Aktivitäten.


Die Darbietung angstfreier, offener Räume bildet angemessene Handlungsfelder für bewusstes Wahrnehmen und Bewusstwerdung von Qualität und Leistung. Lern- und Leistungsdruck werden durch innere und äußere Merkmale vermieden. Hierzu zählen beispielsweise die äußerlich empfundene „Wohnhausatmosphäre, der bewusste Verzicht auf eine Schulklingel, die ländliche Lage sowie die Unterbringung der beiden Klassen in verschiedenen Gebäuden.
Positiv gestimmt kommen die Schülerinnen und Schüler in die Gemeinschaft, wo sie verlässlich persönlich von ihren Klassenlehrerinnen und –lehrern in Empfang genommen und den gesamten Schulvormittag unterrichtet werden.

 

Auch in den Pausen findet die Betreuung ausschließlich von ihren Bezugspersonen statt. Dies vermeidet allseits bekannte Probleme wie beispielsweise die Pausennachbereitung unter Einbeziehung verschiedener Lehrpersonen und klassenfremden Schülerinnen und Schülern, wie sie in großen Systemen häufig entstehen. Eine prompte Konfliktklärung durch die jeweilige Bezugsperson ist jederzeit gewährleistet.


Die Unterbringung der Klassen in verschiedenen Gebäuden, die die Schülerinnen und Schüler auf den ersten Blick nicht mit negativen Schulerlebnissen in Verbindung bringen, bietet die Chance Schule mit positiven Erfahrungen neu zu besetzen. Hierzu tragen unter anderem bei, dass nur wenige Schülerinnen und Schüler den Weg bewältigen müssen, so dass nur begrenzt Konfliktsituationen entstehen. Ohne Konkurrenz zu anderen Klassen können diese den Schulalltag erleben. Die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit sich als Gemeinschaft zu erfahren, so dass der Zusammenhalt untereinander, in einem überschaubaren Rahmen, der ihnen einen Schonraum gewährt, geboten wird.


Durch die „Isolation“ der Ausgelagerten Klassen MiT besteht die Möglichkeit der intensiven Auseinandersetzung mit der Gruppe, ohne Einflussnahme von anderen, dem Kleinstsystem nicht zugehörigen Personen.
Bei Konflikten innerhalb der Gruppe bietet die möglichst permanente Doppelbesetzung sowie die naturnahe Umgebung eine Chance den Schülerinnen und Schülern individuelle Time-outs im Wald zu ermöglichen. Dort können sie in einer nicht „Schulbelasteten“ Umgebung ihre Situation überdenken, was meist zu einer Beruhigung des Konflikts führt.


Erlebnispädagogische Maßnahmen mit sozial-interaktiven, emotional- erlebnishaften und lebensweltlich-arbeitsbezogenen Methoden dienen uns als Möglichkeit der Einzelfallhilfe sowie der Gruppenarbeit. Im nahen Umfeld der Räumlichkeiten haben die Schülerinnen und Schüler vielfältige Gelegenheiten durch erlebnispädagogische Aspekte Selbstvertrauen aufzubauen, Selbständigkeit und Entscheidungsfähigkeit zu erlangen, eigene Leistungsgrenzen zu erfahren und zu überschreiten, Ausdauer und Kontinuität zu üben, neue Wege und Perspektiven zu entdecken und Gefühle wahrnehmen, ausdrücken und damit umgehen lernen. Im Rahmen der Gruppenarbeit ermöglichen erlebnispädagogische Maßnahmen die Wahrnehmung von Kommunikationsschwierigkeiten, die Übung von Kritik- und Konfliktfähigkeit, die Erprobung partnerschaftlichen Handelns und auch die Entwicklung von Problem- und Konfliktlösungsstrategien.

 

Durchgeführte Maßnahmen sind z.B. folgende:
Kistenklettern, Fühlparcours, Vertrauensübungen, sich im Wald mit dem Kompass zurechtfinden, Kanutouren (im Rahmen der jährlichen Klassenfahrt), Kooperationsspiele etc.

 

Innere Rahmenbedingungen


Der Unterricht in den Ausgelagerten Klassen erfolgt nach den Grundsätzen der Kooperativen Didaktik. Dahingehend, dass die Schülerinnen und Schüler nicht zuletzt in altersheterogenen Lerngruppen unterrichtet werden reicht es nicht aus sich an rein bildungstheoretischen Ansätzen zu orientieren. Der Unterricht muss ständig in Kooperation mit den Schülerinnen und Schülern neu überprüft werden.
Jede Klasse wird weitestgehend im 2-Lehrerinnensystem unterrichtet, so dass die Schülerin und der Schüler in ein familiäres Lern-System eingebunden werden kann. Die Lehrpersonen haben dadurch die Chance eine enge Beziehung zu der Klasse aufzubauen. Konfliktsituationen können somit in einem angstfreien, vertrauensvollen Rahmen geklärt werden.


Konzeption der Ausgelagerten Mädchenklasse


In der Ausgelagerten Mädchenklasse gilt es, das Prinzip „Solidarität“ unter Mädchen auszubauen. Die Schülerinnen können ohne Konkurrenzangst vor Jungen auch in Bereichen, die ihnen in der Koedukation nur mit größten Anstrengungen ermöglicht werden können, Aufgaben übernehmen, Selbstwertgefühl stärken und ihr Selbstkonzept stabilisieren. Die Klasse wird meist von 2 Sonderpädagoginnen unterrichtet. Diese Arbeit wird ergänzt durch einen didaktisch und methodisch wie in der Stammschule durchgeführten Werkstättenunterricht (siehe dort) im Bereich Holz. Die Mädchen nutzen hierzu die Räumlichkeiten der Ausgelagerten Klasse „Maria im Tann“ (4 Stunden/Woche). Daher wird durch die Umsetzung der Konzeption der Ausgelagerten Mädchenklasse versucht einer Gruppe von maximal 10 Schülerinnen gerecht zu werden, bei denen davon auszugehen ist, dass aufgrund deren geschlechtsspezifischen Problemlage die Erreichung von folgenden Förderzielen in der Stammschule nicht hinreichend entsprochen werden kann:


• Steigerung bzw. Wiederherstellung der Lern- und Leistungsmotivation
• erfolgreiche Beseitigung/Reduktion von Fehlzeiten und Schulschwänzen
• Aneignung von Wissen und Schließen von Wissenslücken
• Erlangung einer Abschlussqualifikation
• Vermittlung von Einsichten in lebensbedeutsame Zusammenhänge
• Erweiterung der sozialen und kommunikativen Kompetenzen
• gewaltfreier Umgang miteinander auch in Konfliktsituationen
• lebenspraktische Schulung
• schrittweise Verselbständigung
• Entwicklung einer autonomen und selbstverantwortlichen Persönlichkeit
• Entwicklung einer Berufsmotivation im Rahmen der zweimal im Jahr stattfindenden dreiwöchigen

 

Schülerbetriebspraktika


Zielgruppen
Nicht jedes Mädchen unserer Schule besucht automatisch die Ausgelagerte Mädchenklasse. Es müssen spezifische sonder- und heilpädagogische Begründungen vorliegen, die eine Beschulung in dieser Klasse zwingend erforderlich machen. Eine Beschulung in der Ausgelagerten Mädchenklasse kann erforderlich sein, wenn
• die Jugendliche temporär begrenzt einen beschützenden schulischen Förderrahmen benötigt, weil sie aufgrund ihrer Problemlage mehr Ruhe und Konzentration zum Lernen benötigt.
• weibliche Jugendliche mit massiven körperlichen und psychischen Missbrauchserfahrungen nicht zum „Spielball“ für sexualisierende und gewaltbereite männliche Jugendliche in der Stammschule werden dürfen. Solche, zu erwartenden „sexistischen Anmachen“ würde eine Integration dieser Schülerinnen unmöglich machen. Die Mädchenklasse bietet hier eine bestmögliche Bearbeitung geschlechtsspezifischer Themen.
• aktuelle, massive Lebensprobleme die Schulprobleme bedingen und vorrangig kooperativ bearbeitet werden müssen.
• die Eingliederung der Jugendlichen in eine Schulklasse im Stammschulbereich eine für das Mädchen psychische Überforderung darstellt.


Organisation von Unterricht und Erziehung

Der Schulalltag in der Mädchenklasse beginnt morgens um 815 Uhr. Vor Unterrichtsbeginn bereitet jeweils eine Schülerin Getränke für alle Mitschülerinnen. Ein fest installierter Rhythmus mit einer Morgenrunde bietet den Schülerinnen Gelegenheit sich hinsichtlich ihrer Befindlichkeit zu äußern und eventuelle Störfaktoren zu beseitigen, um eine angenehme Lernatmosphäre zu gewährleisten. Die Lehrpersonen können sich hierbei auf die emotionale Verfassung der einzelnen Schülerin einstellen und situationsbedingt handeln. Nach zwei Unterrichtsstunden haben die Schülerinnen eine Pause, die zum gemeinsamen Frühstück genutzt werden kann. Während der Frühstückspause pflegen die Schülerinnen soziale Kontakte und üben ein freundliches Miteinander. Nach einem weiteren Unterrichtsblock von zweimal 45-Minuten findet wieder eine Pause statt, an die sich die letzten Schulstunden anschließen. Die Schülerinnen erledigen vor Schulschluss unter Aufsicht ihre Klassendienste selbständig. Eine ritualisierte Selbsteinschätzung der Schülerinnen in Bezug auf ihr Lern- und Sozialverhalten sowie die Rückmeldung der Lehrerinnen mit Auswertung der Tokenpläne findet täglich am Ende des Unterrichtstages in der Gesamtgruppe statt.


In der Ausgelagerten Mädchenklasse werden bei der Organisation von Unterricht und Erziehung durchgängig folgende Kriterien angewendet:
• Ankommen und Aufnahme der Schülerin in der Mädchenklasse mit ihrer Persönlichkeitsstruktur
• Beziehungssaufbau und Anbahnung von Vertrauen
• Individuelle sonderpädagogische Maßnahmen
• differenzierte Lern- und Leistungsangebote orientiert an den Stärken der Schülerinnen
• flexible Anpassung der Arbeits- und Entlastungsphasen an die Lernsituation
• Angebote von Klassenunterricht, Gruppen- und Einzelarbeit
• parteiliche Mädchenarbeit in der geschlechtshomogenen Lerngruppe
• sukzessive Heranführung und Begleitung in Kontaktsituationen mit heterogenen nicht geschlechtshomogenen Lerngruppen


Konzeption der Ausgelagerten Klasse „Maria im Tann“


Schulabsentismus und Leistungsverweigerung von so genannten verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern entgegenwirken, heißt: ein Setting anzubieten, in dem die Institution Schule neu erlebt wird und zwar als einen Ort, der ohne Furcht vor Misserfolgen aufgesucht werden kann.
In einem solchen Setting wird von den erziehenden, begleitenden und unterrichtenden Sonderschullehrerinnen und -lehrern der Versuch gemacht, den Schülerinnen und Schülern - 95
unterstützt durch eine intensive Elternarbeit und unter Einbeziehung aller am Erziehungsprozess Beteiligter (SPFH, Jugendamt, Erzieherinnen und Erziehern etc.) - in seiner emotionalen Mangellage als Individuum in verschiedenen Systemen zu erkennen und konsequent an seinen Stärken anzusetzen. Klar abgegrenzte Zielgruppen, das Stufenkonzept und ein klar strukturierter Tagesablauf mit festen Ritualen und einer verlässlichen Streitschlichtungskultur sind in diesem Sinne die wesentlichen Bausteine der Konzeption der Ausgelagerten Klasse „Maria im Tann“.

Diesen Auftrag erfüllt ein Klassenlehrerteam in ständiger Doppelbesetzung. Diese Arbeit wird ergänzt durch einen didaktisch und methodisch wie in der Stammschule durchgeführten Werkstättenunterricht (siehe dort) in klasseneigenen Werkstätten. Dieser dient, wie die zweimal jährlich stattfindenden dreiwöchigen Schülerbetriebspraktika der Berufsvorbereitung.